Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und stöbern Sie in Ereignissen vergangener Tage.
Gisela Schraudolf
EDV-Abteilung

Um 1800 wurde das Bild des südlichsten Bergdorfes im Oberallgäu noch von geduckten Holzhäusern mit steinbeschwerten „Landerdächern“ (Holzschindeln) und winkligen Gassen bestimmt, die sich um eine stattliche Kirche mit einem ebenfalls schindelgedeckten Spitzturm scharten. Statt der heutigen Wiesen war das damalige Dorf von Getreideäckern mit Hafer, Gerste, Emmer (Weizen) und von Flachsfeldern umgeben. Der Futterbedarf für das Vieh wurde durch mühsames Mähen der Hangwiesen in den unteren und den hochgelegenen steilen „Bergmähdern“ gewonnen. Damit verbunden waren oft gefahrvolle Transporte des geernteten Heues mit Hörnerschlitten beim so genannten winterlichen „Heuzug“.
Den Begriff des Alpinismus gab es noch nicht. Alphirten, Jäger, Jagdherren und Wilderer wagten sich vorsichtig, nur soweit es ihr Zweck erforderte, in die Berge hinauf, in eine für sie unbekannte Welt, über der ein geheimnisvoller Bann lag. Zum ersten Mal hörte man Ende des 18. Jahrhunderts von Botanikern, die das Allgäuer Gebirge zu Forschungszwecken aufgesucht haben sollen. Von Amts wegen gab es in den Jahren 1818-1820 und von 1835-1844 die ersten Landvermessungen, bei denen mit Hilfe berggewohnter Jäger, Hirten und Wildheuer einige Gipfel der Allgäuer Alpen, darunter Biberkopf, Mädelegabel, Höfats, Schneck und Hochvogel bestiegen wurden. Doch schon bald machten auch wagemutige Oberstdorfer Männer von sich reden. Von dem Oberstdorfer Jäger Ignaz Dorn, dem Vater des später als Adlerkönig bekannten Leo Dorn, wird berichtet, dass er im Jahre 1836 mit dem Rentenmeister F.A. Bizzenberger aus Württemberg den Hochvogel bestiegen hat.
Bekannt wurden die Brüder Jochum, Urban, Alois und Mathias, einfache Hirten aus der Birgsau, die 1853 als erste die Trettach bestiegen. An der Höfats waren es in der Jahrhundertmitte die beiden Jagdgehilfen des späteren Prinzregenten Luitpold von Bayern, Thaddäus Blattner und Leo Dorn, der wie schon erwähnt legendäre „Adlerkönig“, die sich an den schmalen Graten und abschüssigen Flanken dieses Gipfelgestirns so schwierige Aufgaben stellten, wie sie von den klassischen Bergsteigern erst Jahrzehnte später in Angriff genommen wurden. Diese und sicher noch manche uns bekannte Oberstdorfer Bergsteiger waren Pioniere auf dem Weg zum Alpinismus.
Daneben leisteten die wissenschaftlichen Exkursionen mit ihren schriftlichen Auswertungen einen großen Beitrag zur bergsteigerischen Entwicklung und weckten das Interesse der „Unterländer“. Anton Waltenberger, Herrmann Freiherr von Barth und Hans Modlmayer sind nur einige Namen, die das Bergsteigen populär machten.
Unter den in Oberstdorf langsam immer mehr werdenden „Sommerfrischlern“ gab es vermehrt Gäste, die aus Freude an der Schönheit der Natur, der Neugier auf Unbekanntes, der Lust an körperlicher Betätigung und an dem bewussten Aufsuchen und Überwinden von Schwierigkeiten den Wunsch hatten, mit einem erfahrenen Führer ins Gebirge zu gehen.
Zunächst waren es oft die Gastgeber, die für ein Trinkgeld gern diesen Dienst für die „Herrelitt“ übernahmen. Allmählich entwickelte sich dieser Führer- und Trägerdienst zu einem lukrativen Nebenverdienst. Durch den 1869 in München gegründeten Deutschen Alpenverein erhielt 1876 auch das Bergführerwesen eine grundlegende Ordnung, die von der Marktgemeinde Oberstdorf übernommen wurde, wobei auch die Gebühren für die einzelnen Führungen festgelegt wurden.
Hier einige Beispiele:
Freibergsee 1,50 Mark; Vordere Seealpe, hintere Seealpe, Nebelhorn und zurück 7,-- Mark; Spielmannsau, Obermädelealp, Mädelegabel und zurück 10,-- Mark.
Der Alpenverein setzte sich auch dafür ein, tüchtige Bergführer in Schulungen heranzubilden uns sie nach einer Prüfung mit dem Bergführerabzeichen mit dem AV-Edelweiß auszuzeichnen. Der erste, der in Oberstdorf noch vor der Einführung der Bergführerprüfung vom Alpenverein anerkannt und 1875 als Bergführer autorisiert wurde, war Johann Baptist Schraudolf (1826-1908) von Einödsbach. In seinen Führungsbüchern sind allein 416 Mädelegabelführungen bestätigt.
Mit Zunahme des Alpinismus ergab sich die Notwendigkeit Wege auszubauen und Hütten für Übernachtungen zu errichten. Schon Hermann Freiherr von Barth, der als Erschließer der Kalkalpen auch im Allgäu gilt, und der innerhalb des Jahres 1869 insgesamt 44 Gipfel bestieg, machte nach zahlreichen Nächtigungen in Alphütten, im Heulager bei Hirten und Sennen auf den Bedarf an „Alpennachtlagern“ aufmerksam. Der Akademische Alpenverein in München hat sein 1900 in der Hornbachkette erbautes Unterkunftshaus nach ihm "Hermann-von-Barth-Hütte" benannt.
Wie bei der Ausbildung der Bergführer übernahm auch beim Hütten- und Wegebau der 1869 in München gegründete Deutsche Alpenverein mit seinen nach und nach entstehenden örtlichen Sektionen diese Aufgaben. Im Jahr 1875 baute die Sektion Allgäu-Immenstadt, der auch Oberstdorf angeschlossen war, in unserem Gebiet an der Mädelegabel die erste Hütte. In Anerkennung des erfolgreichen Bergsteigers, Bezirksgeometers und Gründungsmitglieder der Sektion, Anton Waltenberger, erhielt die Hütte den Namen „Waltenberger Haus“. 1881 erbaute ebenfalls die Sektion Immenstadt das zu Ehren des häufig zur Jagd in Oberstdorf weilenden Bayerischen „Prinzregenten Luitpold“ das nach ihm benannte Haus, unterhalb des Hochvogels. 1890 entstand auch durch den Immenstädter Alpenverein das „Nebelhornhaus“, das später zur Erinnerung an den damaligen, hochverdienten Vorsitzenden und Gönner der Sektion in „Edmund-Probst-Haus“ umbenannt wurde.
Auch die Sektion Allgäu-Kempten blieb nicht untätig. 1885 errichtete sie im Rappenalptal die „Rappenseehütte“, Ausgangspunkt des später erbauten „Heilbronner Weges“, und 1891 im Trettachtal oberhalb des Sperrbachtobels nahe dem „Mädelejoch“ auf Holzgauer Grund die „Kemptner Hütte“. Im Jahr 1920 erbaute der Mindelheimer Alpenverein im oberen Rappenalptal nahe der Schafalpköpfle die „Mindelheimer Hütte“ und wenig später auf der anderen Seite an der höchsten Stelle die „Fiderepass-Hütte“, eine weitere kleine Unterkunftshütte. Diese ging dann 1947 in den Besitz der 1925 gegründeten Sektion Oberstdorf über. Alle diese Hütten existieren auch heute noch, allerdings nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form, denn sie wurden mit dem Wachsen des Bedarfes und der Ansprüche inzwischen mehrfach erweitert, umgebaut und modernisiert.
Es waren die Hüttenwirte, Leute aus der Umgebung, die sich der hungrigen und durstigen Gipfelstürmer annahmen. Während heute Hubschrauber oder Materialbahnen das hierzu Notwendige in die Höhe bringen, waren es früher Lastenträger, die als unentbehrliche Helfer, ausgerüstet mit Kopfreff und Traghose Material zum Bau der Hütten und Proviant für die Gäste auf schwierigen Pfaden zu den Hütten brachten. (Im Oberstdorfer Heimatmuseum sind neben anderen bergsteigerischen Ausrüstungen auch Kopfreff und Lastenhosen zu besichtigen.) Wo es möglich war, wurden Lasttiere, die so genannten „Mulis“, eingesetzt. Neben den Oberstdorfer Lastenträgern waren es auch junge Männer aus dem Lechtal und Tirol, die z.B. die Kemptner Hütte vom Lechtal (Holzgau) aus auf dem noch heute benutzten „Wallfahrtsweg“ versorgten.
Die Errichtung der Hütten machte auch verstärkt den Bau von Zugangswegen erforderlich. Diese wurden dann untereinander durch Verbindungswege vernetzt und durch Aufstiegsrouten zu den wichtigsten Gipfeln der Allgäuer Alpen ergänzt. So waren bald darauf das „Edmund-Probst-Haus“ mit dem „Prinz-Luitpold-Haus“ durch einen markierten Weg von besonderer landschaftlicher Schönheit verbunden. Zugleich wurde auch der Aufstieg zum Hochvogelgipfel über einen Felssteig erleichtert. Bereits 1875 schuf man auch den Übergang vom Dietersbach- zum Oytal über den „Älpelesattel“. Die Krönung aller Wegebau-Aktivitäten in den Bergen des Hauptkammes der Allgäuer Alpen war die Anlage des „Heilbronner Wegs“, der 1899 feierlich eröffnet wurde.
Später wurden dann die Wege von der Fiderepasshütte zum Fellhorn und von dort über den „Schlappoldkamm“ zur „Sölleralpe“ und weiter von „Schönblick“ aus über die „Alte Walser Fahrstraß“ hinab nach Oberstdorf erschlossen. Zugleich entstanden die Wege zum „Hohen Ifen“ und über das „Gottesackerplateau“, die anschließend viel von Oberstdorf aus begangen wurden. Im „Baedecker“ von 1908 wird dieses Gebiet „zur Besteigung auf markierten Routen oder mit Führer“ ebenso empfohlen, wie „Biberkopf“, „Hohes Licht“, „Nebelhorn“ und „Hochvogel“. Heute ist Oberstdorf durch ein ausgedehntes Netz vielbegangener alpiner Wege und Klettersteige wie dem Hindelanger und Mindelheimer mit den Gipfeln der Nord-, Ost-, Süd- und Westalpen sowie mit Südtirol, der Schweiz und Italien verbunden.